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Gott gesucht, das Gehirn gefunden

 
Schalter
Ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht, wie sich das ein amerikanischer Neurologe vorgestellt hatte. Der Glaube an Gott lässt sich nicht via Magnetfeld steuern. - Ein Artikel des Wochenmagazins «Die Zeit» widmet sich nun dem Thema «Neurotheologie».

Bei einem Experiment in den 90er Jahren meinte der amerikanische Hirnforscher Michael Persinger, den Glauben an Gott mit einem Schalter beeinflussen zu können. Persinger lehrt an der Laurentian University im kanadischen Sudbury und gilt als bekanntester Vertreter der neuen sogenannt wissenschaftlichen Strömung der «Neurotheologie». Ihre Forscher versuchen religiöse Erfahrungen neurophysiologisch zu erklären.

Vor 14 Jahren baute Persinger einen Helm, der im Gehirn ein Magnetfeld aufbaute. Er behauptete, mit diesem umgebauten Motorradhelm könne er in seinem Labor quasi auf Knopfdruck das Gehirn seiner Probanden in «göttliche Schwingungen» versetzen. Einige der Versuchsteilnehmer in Persingers schalldichter Kammer meinten anschliessend, sie hätten etwas oder jemanden neben sich gespürt; einen Engel, Gott oder den Teufel.

Ein enttäuschter Dawkins
Von diesen Berichten neugierig gemacht, reiste auch der britische Biologe Richard Dawkins nach Sudbury. Die «Zeit» nennt ihn den «unversöhnlichsten Religionsgegner der Gegenwart». Dawkins setzte sich Persingers «Religions-Helm» auf - und spürte überhaupt nichts. Er sei «sehr enttäuscht», sagte Dawkins nach dem Versuch.

Einen Knacks bekam die Theorie vom ein- und ausschaltbaren Glauben auch durch eine Gegenprobe an der Universität von Uppsala in Schweden. Der Psychologe Pehr Granqvist stellte Persingers Versuchsanordnung nach, machte aber daraus ein Doppelblind-Experiment. Das heisst: Nur bei der Hälfte seiner Versuchspersonen wurde das Magnetfeld wirklich eingeschaltet, bei der anderen nicht.

Das Ergebnis: Es war egal, ob die Personen einer Magnetstimulation ausgesetzt waren oder nicht. Es reichte, dass die Probanden erwartungsvoll im Dunkeln sassen, abgeschnitten von allen äusseren Reizen, und schon spürten viele von ihnen etwas Göttliches.

Am Ende war die Zahl der Mystikerlebnisse in beiden Gruppen gleich gross. Bewusstseinserweiternde Erfahrungen hingen vielmehr vor allem von der «persönlichen Charakteristik» des einzelnen ab, urteilte Granqvist. «Zeit»-Redakteur Ulrich Schnabel meint dazu: «Was in Persingers Versuchsanordnung wirkt, ist nicht etwa die Magnetstimulation, sondern vor allem die Kraft des eigenen Glaubens.»

«Dir geschehe nach deinem Glauben»
Besonders in den vergangenen Jahren hätten sich Wissenschaftler vermehrt mit dem Glauben beschäftigt, stellt «Zeit»-Autor Ulrich Schnabel fest. «Denn seit von der Rückkehr der Religion die Rede ist, haben auch die nüchternen Naturwissenschaften ihr Interesse an einem Thema entdeckt, das zuvor ausschliesslich in die Zuständigkeit der geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu fallen schien.»

Schnabel fährt fort: «Hirnforscher haben meditierende Mönche in den Kernspin-Tomografen geschoben, andere durchleuchteten das Hirn frommer Christen beim Psalmrezitieren, Mediziner untersuchten den Einfluss von Gebeten auf den Heilungsprozess von Kranken, und Psychologen ermittelten, ob Gläubige schneller genesen als Ungläubige.»

Viele dieser Experimente ergäben ein ähnliches Ergebnis: Ob sich eine religiöse Praxis auf Körper und Psyche auswirkt, hängt vor allem von den Vorstellungen und Werten der Personen ab, kurzum: von ihrem Glauben.

Umkehrung von Ursache und Wirkung
Das zeigen auch die Experimente der Hirnforscherin und Theologin Nina Azari. An der Universität Düsseldorf ging sie der Frage nach, welche Auswirkungen religiös bedeutungsvolle Texte auf das Gehirn haben. Die Amerikanerin, die an einer Enzyklopädie der Wissenschaften und Religionen arbeitet, untersuchte zwei Gruppen von Menschen: zum einen Mitglieder einer evangelikalen Freikirche, zum anderen sechs entschiedene Atheisten. Alle mussten den 23. Psalm, ein Kinderlied und aus dem Düsseldorfer Telefonbuch vorlesen, während ihre Hirnaktivität mit dem Kernspin-Tomografen gemessen wurde.

Das Ergebnis zeigte, dass das Psalmlesen tatsächlich bei den Christen andere Hirnareale aktivierte als bei den Atheisten, und zwar vor allem die Hirnbereiche, die für Beziehungen sowie für die Selbst- und Fremdwahrnehmung, das Lernen und die Erinnerung wichtig sind.

Eine Schlussfolgerung Azaris lautete: Religiöses Erleben ist keine zwingende Reaktion des Gehirns auf bestimmte Reize, Rituale oder Meditationstechniken. Es hängt vielmehr entscheidend vom sozialen Kontext und von der persönlichen Einstellung eines Gläubigen ab. Auch die ausgefeilteste Neurowissenschaft könne uns deshalb nie etwas über Gott erzählen, sagt Nina Azari, und zwar aus einem einfachen Grund: «Das Studienobjekt der Hirnforschung ist der Mensch - und eben nicht Gott.»

Genesung und Gottesbild
Der Religionspsychologe Sebastian Murken machte dazu in der onkologischen Fachklinik in Bad Kreuznach ein Experiment. Er untersuchte, ob Brustkrebs-Patientinnen besser geheilt wurden, wenn sie gläubig waren. Es stellte sich heraus, dass eine religiöse Orientierung tatsächlich bei Krankheiten helfen kann.

Allerdings erging es jenen Patientinnen besser, die ein positives Gottesbild hatten. Nach dem Motto «Was Gott tut, das ist wohlgetan» konnten sie offenbar ihre Brustkrebs-Erkrankung viel besser annehmen. Patientinnen mit dem Bild eines strengen strafenden Gottes hingegen litten in der Klinik verstärkt unter Ängsten und Depressionen.

Diese Frauen sahen ihren Brustkrebs als Strafe für vergangene Sünden an. Murken fasste seine Ergebnisse mit dem Satz zusammen: «Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.»


Quelle: PRO Medienmagazin
Datum: 22.07.2010

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